Pfr. Weber: „Niemand kann mehr sagen, die Kirche sei verstaubt und trocken!“

gospecial
Schon seit drei Jahren finden in Schwalefeld in der evangelischen Kirche die so genannten „GoSpecial"-Gottesdienste statt. Wie der Name schon andeutet, handelt es sich dabei um etwas Besonderes, etwas Spezielles. „Die Resonanz auf diese zwei bis drei Mal jährlich durchgeführten Gottesdienste ist sehr positiv“, so Pfarrer Ulf Weber. Am Sonntag, 16. November 2008 lädt die Kirchengemeinde um 19.30 Uhr erneut zu diesem etwas anderen Gottesdienst ein. UPLAND-TIPS-Mitarbeiter Sven Schütz hat mit Pfarrer Weber ein Interview geführt, in dem er die Besonderheiten erklärt und viel Lust auf einen Besuch in der Kirche macht.
? Was ist das Besondere an den GoSpecial-Gottesdiensten?
! „Das ganz Spezielle dieser neuen Gottesdienstform ist wohl die vielfältige Gestaltung in moderner, ansprechender Weise. Wenn man es genau nimmt, dann sind fast alle Teilstücke eines klassischen Gottesdienstes enthalten. Ein Musikstück zu Beginn wird in diesem Gottesdienst nicht von der Orgel, sondern von unserer K2-Band gespielt, die unseren „GoSpecial“ mit geprägt hat. Ein Moderationsteam begrüßt die Gäste und führt durch das Gottesdienstprogramm. Ein Gospelchor singt seine mitreißenden Lieder; diesmal ist „Good News“ aus Korbach mit von der Partie. Der Psalm wird nicht verlesen, sondern mit einer Multimediapräsentation dargestellt, die unter die Haut gehen kann. Eine Theatergruppe führt das Thema auf humorvolle und nachdenkenswerte Weise ein. Aber ein Predigtvortrag, wie auch Gebete und das gemeinsame Vaterunser und der Segen gehören selbstverständlich dazu. Nur, und das macht den Gottesdienst auch so spannend, jeder Gast kann den Gottesdienst aktiv mitgestalten. Nach der Predigt geben wir die Möglichkeit, die eigene Meinung dazu aufzuschreiben. In „your position“, so haben wir das genannt, ist dies gefragt und wird auch verlesen! Und da kann man auch kritisches auf dem Blatt anmerken oder einfach einen Gebetswunsch formulieren, der dann vielleicht schon im Gottesdienst mit aufgenommen wird.“ ?

Wie ist die Idee entstanden?
! „Warum gehen denn so wenig Jugendliche, jüngere und mittlerweile auch ältere Erwachsene in unsere sonntäglichen Gottesdienste? Sie sagen meist, die klassischen Gottesdienste sprächen sie nicht so an. Fragt man nach, ist es bei vielen die Liturgie und der Ablauf, den sie als fremd empfinden, weil es nicht ihrem Alltag entspricht. Auch die Themen sind in den unterschiedlichen Generationen nicht dieselben. Bei den Kindern haben wir uns schon längst darauf eingestellt. Seit über 100 Jahren gibt es für sie eine eigenen Gottesdienstform: den Kindergottesdienst. Auch Gottesdienste für Jugendliche sind nichts Außergewöhnliches mehr. Mit dem „GoSpecial“ wollten wir nun einen Schritt weitergehen, und wie man sieht, es ist genau der richtige Weg. So viele Teilnehmer haben wir selten in unseren Gottesdiensten, und die Rückmeldungen, die wir nach jedem „GoSpecial“ mit einem Fragebogen erfahren, sind sehr, sehr positiv.“

Wie sieht der Ablauf am 16. November aus, was sind die Inhalte?
! „Kennen Sie die Werbung, wo jemand seine persönlichen Werte stolz mit Fotos präsentiert: „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht!“ Für unsere „GoSpecial-Themen“ greifen wir immer auf solche plakativen, aber doch sehr aktuellen Themen zurück und hinterfragen sie. Da kam uns die Idee, den „GoSpecial“ auch so zu betiteln: „Mein Auto, mein Sport = mein Gott“. Haben Sie das Gleichheitszeichen bemerkt? Das ist unser Thema: Die modernen Götter unserer Zeit. Mein Hobby, mein Garten, mein Auto, mein Sport – wir beten sie zwar nicht an, aber stellen wir sie doch manchmal über unseren Glauben an Gott, oder? Ich weiß noch nicht, wie der Gottesdienst aussehen wird und wohin er führen wird. Wir wollen ja nicht alles verurteilen und schlecht machen, sondern zum Nachdenken anregen. Ganz besonders freue ich mich, dass Skilanglauf-Bundestrainer Jochen Behle den Gottesdienst mit seiner persönlichen Erfahrung mitgestalten wird. Das wird sicher sehr spannend.“

? Wen möchten Sie mit den Inhalten und der neuen Gottesdienstform ansprechen?
! „Alle, die Kirche einmal auf neue Weise erleben möchten. Wir gehen mit der Zeit und machen uns die neuen Medien zu nutze. Niemand kann mehr sagen, die Kirche sei verstaubt und trocken. Auch unsere klassischen Gottesdienste leiden da manchmal unter einem falschen Ruf.“

? Gelingt es mit der neuen Form, auch die einzelnen Mitglieder der Kirchengemeinde von jung bis alt zusammenzuführen und für Kirchen- und Jugendarbeit zu gewinnen?
! „Das freut mich, dass Sie diese Frage stellen. Ja, in der Tat! Es ist zwar keineswegs so, dass alles nur von „GoSpecial“ her kommt. Aber wir stellen vielerorts einen neuen Aufbruch in den letzten Jahren in unseren Kirchen fest. Jüngere Erwachsene sind zur Mitarbeit beim „GoSpecial“ oder auch anderswo bereit. Die Kirche wird stärker als eigene Gemeinde wahrgenommen, die man selbst mitgestalten kann. Bei der letzten Kirchenvorstandswahl gab es fast einen kompletten Generationenwechsel, und viele jüngere Mitarbeiter sind sehr aktiv dabei. Und, das darf ich hier auch sagen, das motiviert mich als Pfarrer auch ungemein!“

? Wie sehen die Vorbereitungen aus und wer gehört denn alles zum festen Team?
! „Die Vorbereitungen für eine „GoSpecial“ sind schon gewaltig und müssen ein viertel Jahr zuvor beginnen. Es gibt einen kleinen Mitarbeiterkern, der aus vier Leuten besteht. Dazu gehören die Kirchenvorsteher Frank Böhm und Jörg Lamm sowie Klaus Kesper-Kanzler (Musik und Technik), und ich selbst versuche auch, mein Bestes zu geben. Aber darüber hinaus stehen bei jedem „GoSpecial“ 15 bis 20 weitere Mitarbeiter in den Teams Moderation, Theater, Deko und Catering zur Verfügung.“

? Gibt es auch andernorts ähnliche erfolgreiche Trends der Gottesdienstgestaltung?
! „Ja, diese Gottesdienstform haben wir ja nicht neu erfunden. Sie wird schon seit etwa zehn Jahren in verschiedenen Gemeinden in Deutschland erprobt. Aber jede Gemeinde muss doch auch selbst ihre eigene Form finden, denn alles hängt von den Mitarbeitern ab, die mit ihren unterschiedlichen Begabungen, mit ihrer Zeit und ihren Ideen den Gottesdienst gestalten. Wichtig finde ich nur, dass wir in der Kirche offen sind für neue Wege. Neue Gottesdienstformen gehören für mich dazu. Nicht nur „GoSpecial“, sondern auch unsere Familienkirchen oder Abend*Stern*Gottesdienste sind neue Formen, die mittlerweile doch recht viele Menschen ansprechen, die sonst nicht regelmäßig zu den klassischen Gottesdiensten gehen. Aber mein Traum von Kirche bleibt: Dass alle Generationen jeden Sonntag gemeinsam einen festlichen Gottesdienst in schöner Gemeinschaft feiern. Dies ist mein inniges Gebet!“