Erhard Kiel: „Das Wohnen auf den Dörfern muss attraktiv bleiben!“

Kiel
In unserer Serie stellen wir in dieser Ausgabe den Eimelroder Kommunalpolitiker und FDP-Fraktionsvorsitzenden Erhard Kiel vor. Er ist nach Beendigung seines Referendariats an der MPS Willingen seit 1980 Lehrer für Deutsch und Sport an der ALS in Korbach. Seit 1992 ist der zudem Koordinator des Schulsportzentrums Waldeck-Frankenberg. Der zweifache Familienvater (Töchter Jennifer und Jessica) ist fußballbegeistert und war unter anderem als Spieler und auch Trainer beim SC Willingen aktiv.

? Herr Kiel, wie sind Sie in die Politik eingestiegen?
! „Geprägt wurden mein jüngerer Bruder Harald, der als Fraktionsvorsitzender der FDP im Stadtparlament in Lichtenfels tätig ist, und ich durch unseren Vater, der ebenfalls für die FDP in der Gemeindevertretung in Willingen aktiv war. Seit fast 20 Jahren bin ich im Ortsbeirat meines Heimatortes Eimelrod und seit 1999   in der Gemeindevertretung, seit der Wahl 2006 als Fraktionsvorsitzender der FDP.
Spaß bereitet mir auch meine Arbeit als Vorsitzender des „Arbeitskreises Dorferneuerung“ in Eimelrod, da dieses Förderprogramm gemeinsam mit der Erneuerung der Ortsdurchfahrt den Ort für Einheimische und Gäste enorm aufgewertet hat.“
? Als Lehrer kennen Sie die Situation um die Schulbusse, die hier große Probleme bereitet: Was sagen Sie zu den Zuständen im Upland. War die EU-weite Ausschreibung richtig?
! „Die in der letzten Zeit bekannt gewordenen Vorfälle rund um die Bustransporte sind meiner Meinung nach absolut unverantwortlich und nicht hinnehmbar. Andererseits zeigt es aber auch, dass das Bemühen der Kommunen, durch großflächige Ausschreibungen Kosten einzusparen, offensichtlich zu gravierenden Qualitätsverlusten und Sicherheitsmängeln führen kann, wenn nicht konsequent kontrolliert wird. Deshalb begrüße ich das Einschreiten der betroffenen Schulen und Elternschaften, wenn vor allem die Sicherheit nicht gewährleistet ist, denn dann wird ganz sicher an der falschen Stelle gespart.“
? Willingen bekommt einen neuen Marketingleiter, der auch die Leitung der Tourist-Information sowie der Projektbüros, z. B. Wandern übernehmen wird. Was erwarten Sie von dieser neu geschaffenen Position. War es in Ihren Augen notwendig?
! „Die Besetzung der Stelle findet die volle Unterstützung der FDP-Fraktion. Ich glaube, dass sich die Situation auf dem Tourismus-Markt, gerade was die Bereiche Angebotspräsentation, Buchungsmöglichkeiten, Marktanalyse, Zusammenarbeit mit Reiseveranstaltern und Kundepflege anbetrifft, speziell durch die Möglichkeiten der elektronischen Medien grundlegend verändert hat. Da ist es unerlässlich, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen und auf fachlich entsprechend qualifiziertes Personal zu setzen. Eine Person, die aus der freien Wirtschaft kommt und erfolgreich am Markt gearbeitet hat, erfüllt meiner Ansicht nach am ehesten das daraus resultierende Anforderungsprofil. Die vom Bürgermeister und Gemeindevorstand ins Auge gefasste Person kommt aus der Gemeinde und sollte daher nicht nur eine geschäftliche, sondern auch eine emotionale Bindung zur Gemeinde Willingen/Upland besitzen. Sie kennt die Stärken und Schwächen der Gemeinde. Man sollte daher erwarten, dass die Person die Aufgabe nicht nur mit hoher fachlicher Kompetenz, sondern auch mit einer guten Portion Herzblut angeht. Negativ bewerte ich derzeit allerdings die Polemisierung um die Vergabe der beschriebenen Stelle.. Man sollte die Beurteilung versachlichen. Wer wie Willingen touristisch in der 1. Liga spielen möchte, muss auf Erfolg versprechende innerbetriebliche Strukturen und erstklassiges Personal zurückgreifen können. Daher hält die FDP – Fraktion den eingeleiteten Schritt für absolut richtig. Andere Mitbewerber haben in diesen Positionen ebenfalls hochkarätige Mitarbeiter am Start. Wichtig erscheint mir bei der Vertragsgestaltung seitens der Gemeinde allerdings zu sein, dass im Falle einer entgegen der Erwartung nicht erfolgreichen Zusammenarbeit eine schnelle und für die Gemeinde kostenneutrale Trennung erfolgen kann. Hohe Abfindungen dürften in einem solchen Fall auf gar keinen Fall gezahlt werden müssen.“
? Welche Projekte innerhalb der Gemeinde sind für Sie von entscheidender Wichtigkeit. Wo drückt der Schuh Ihres Erachtens nach am meisten?
! „Entscheidend ist, dass die Politik Rahmenbedingungen schafft, dass die Gemeinde Willingen (Upland) für Einheimische und Gäste weiterhin attraktiv bleibt, hier zu wohnen bzw. hier den Urlaub zu verbringen. Die Gestaltungsmöglichkeiten der Gemeinde sind durch den derzeitigen Schuldenstand allerdings eingeschränkt. Durch unumgängliche kostenintensive Investitionen wie den Bau der neuen Kläranlage oder die Ausbesserung oder Erneuerung des maroden Wasser- und Kanalnetzes sowie die unbedingt erforderlichen Straßenbaumaßnahmen in nahezu allen Ortsteilen hat der Schuldenstand eine beachtliche Höhe erreicht, die es unbedingt zu reduzieren gilt. Deshalb müssen durchaus sinnvolle und wünschenswerte Dinge zurück stehen oder können nicht realisiert werden.. Schließlich hat sich die Gemeindevertretung ein Finanzkonzept auferlegt, welches sie einzuhalten gedenkt. Deshalb freue ich mich über private Investitionen wie jetzt den Neubau der Seilbahn, da sie ganz entscheidend zur Attraktivität und zur Wettbewerbsfähigkeit der Gemeinde beitragen. Neben der glücklicherweise stets vorhandenen privaten Investitionsbereitschaft in der Gemeinde halte ich einen erstklassigen Service in allen Bereichen für äußerst wichtig. Dies geht jedenfalls eindeutig aus Gesprächen hervor, die ich mit zahlreichen Gästen geführt habe.
Sorgen bereitet mir zum Teil die veränderte Struktur der Dörfer. Auch bedingt durch den demographischen Wandel fällt es beim Gang durch das Upland auf, dass es zunehmend leer stehende Gebäude gibt, wo nicht unbedingt absehbar ist, dass sie in absehbarer Zeit wieder bewohnt werden sollten und die entsprechend verfallen. Nachfolgen sind oft nicht abzusehen. Das Wohnen auf den Dörfern muss trotzdem weiter erstrebenwert bleiben. Hier sollte die Politik entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. Dass dies auch weiterhin so ist, dazu tragen neben der reizvollen Landschaft, die der ständigen Pflege bedarf, vor allem die vielfältigen Freizeiteinrichtungen mit den verschiedensten Betätigungsmöglichkeiten bei. Einen äußerst hohen Stellenwert messe ich auch den zahlreichen Angeboten der heimischen Vereine zu, die einen entscheidenden Anteil am Erhalt einer hohen Lebensqualität in den Uplandorten haben. Auch hier bedarf es der höchst möglichen Unterstützung durch die Gemeinde. Persönlich am meisten habe ich mich allerdings über die äußerst positive Entwicklung der Schulsituation in unserer Gemeinde gefreut. Nachdem die Perspektive vor etwa 3 Jahren mehr als bedenklich war, befindet sich die Uplandschule nach ihrer Neukonstituierung zu einer kooperativen Gesamtschule ganz eindeutig im Aufwind. Die kontinuierlich steigenden Schülerzahlen geben zu der Hoffnung Anlass, dass auch in Zukunft alle bisherigen Schulformen, einschließlich der gymnasialen Oberstufe, erhalten bleiben.“
 ? Was liegt Ihnen als Upländer besonders am Herzen?
! „Wenn ich trotz der erwähnten angespannten Haushaltslage einen Wunsch frei hätte, würde ich mich intensiv für Schaffung einer multifunktionalen Sporteinrichtung mit 400 m – Bahn und witterungsunabhängiger Spielfäche in Schulnähe, etwa im Bereich des Lagunenbades, einsetzen. Diese Anlage sollte sowohl für den Schulsport als auch für den Vereins- und Freizeitsport zugänglich sein. Die Sportstättensituation ist meiner Ansicht nach trotz des Vorhandenseins von Schanzen und Skirollerbahn in Willingen eher schlecht, obwohl der Ort eine große Nähe zum Sport hat. Trotz der vielen Vereinsangebote fehlt für Kinder und Jugendliche die Möglichkeit sich frei auf einem Sportgelände zu entfalten, das einen hohen Aufforderungscharakter hat. Das Hoppecketal – Stadion ist weitgehend verschlossen, der alte Sportplatz unter der Seilbahn ist vor allem durch das hohe Verkehrsaufkommen für Kinder zu gefährlich geworden und den Trainingsplatz in Schwalefeld halte ich auf Grund seiner Lage und Beschaffenheit für eine der größten Fehlentscheidungen der Gemeindevertretung. Da haben es zum Beispiel die Kinder in den Ortsteilen Rattlar und Eimelrod besser. Sie können zu jeder Zeit in Ortsnähe auf einem vor dem Durchgangsverkehr geschützten Gelände einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachgehen. “
? Ihr Parteigenosse Dieter Schütz tritt als Direktkandidat der FDP im Wahlkreis für den Landtag bei der Landtagswahl 2008 an. Er ist damit der erste Upländer. Wie beurteilen Sie seine Entscheidung und seine Chancen?
! „Dieter ist nicht nur Parteigenosse, sondern auch ein sehr guter Freund. Daher verfolge ich das sehr intensiv und empfinde es absolut positiv, dass er den Mut dazu hat und bereit ist, das erforderliche zeitliche Engagement auf sich zu nehmen. Er ist ein sehr integrativer und intelligenter Mensch, der vielseitig interessiert ist und bringt daher beste Voraussetzungen für die Bekleidung politischer Ämter mit. Es geht nun in erster Linie darum, in der Öffentlichkeit bekannt zu werden, und dass seine Fähigkeiten innerhalb der Partei auf Kreis- und Landesebene erkannt werden. Daher sehe ich die Direktkandidatur als Einstieg. Ein überzeugendes Wahlergebnis wäre daher wichtig, zu dem auch seine Heimatregion – über die Parteien hinweg – beitragen kann. Bei realistischer Betrachtung ist aber Staatsminister Dietzel als direkter Kontrahent der Favorit.
Wichtig ist aber auch, dass ein Upländer unsere Interessen im Kreistag vertritt. Da sind nicht nur wir als starker FDP – Ortsverband, sondern alle im Upland vertretenen Parteien erheblich unterrepräsentiert. An dieser Stelle noch einmal mein Dank an alle Mitglieder, die Dieter bei der Abstimmung zum Direktkandidaten in Korbach geschlossen unterstützt haben.“